Im Rahmen der Bundestagswahl 2017 ist auf politischer sowie wirtschaftlicher Ebene erneut die Diskussion über eine mögliche
Bürgerversicherung oder „gesetzliche Krankenversicherung (GKV) für alle“ entfacht. Bisher gibt es in Deutschland ein Zwei-Säulen-Modell, welches aus der GKV und der privaten Krankenversicherung (PKV) besteht. Lediglich 10 % aller Bundesbürger sind privat versichert, diese machen aber
25 % des Gesamtumsatzes der Gesundheitswirtschaft aus.
Mehrumsätze
Eines der Argumente gegen eine
Bürgerversicherung ist der Verlust von Mehrumsätzen in der gesamten Gesundheitsbranche. Die vom Wissenschaftlichen
Institut der PKV (WIP) ermittelten Mehrumsätze in Höhe von 5,99 Milliarden Euro (2014), welche den Ärzten ausbleiben, würden den Erhalt und die fortlaufende Modernisierung der medizinischen Infrastruktur stark beeinträchtigen. Mehrumsätze sind Umsätze die entstehen, wenn ein Patient privat und nicht gesetzlich versichert ist. Diese belaufen sich auf durchschnittlich 49.243 € je niedergelassenem Arzt jährlich. Innerhalb der medizinischen Fachbereiche gibt es zudem große Diskrepanzen in den Zusatzvergütungen, die durch die Einführung der Bürgerversicherung wegfallen würden. Der Allgemeinmediziner verliert laut Daten des Statistischen Bundesamtes 22.216 €, Dermatologen sogar bis zu 158.530 € jährlich. Der
Verlust von Mehrumsätzen durch Privatpatienten, der bei einem Arzt der Dermatologie jährlich anfällt, würde innerhalb von 1,1 Jahren den Praxisinvestitionen für eine neue Hausarztpraxis gleichen. Obwohl die PKV keinen Einfluss auf die Verwendung dieser Mehrumsätze der Ärzte hat, muss makroökonomisch betrachtet angenommen werden, dass die medizinische Infrastruktur positiv beeinflusst wird.
Soziale Perspektive
Ein populäres Argument zu Gunsten der Bürgerversicherung appelliert an die
soziale Perspektive. Da auf Grund des Einkommens und des individuellen Gesundheitszustandes nicht jeder für eine PKV geeignet ist und PKV-Patienten oft als bevorzugt wahrgenommen werden, wird der Begriff „Zwei-Klassen-Medizin“ verwendet. Das Konzept der „GKV für alle“ wird von mehreren Fraktionen wie z.B. der SPD und den Grünen gefordert, um eine „faire und solide“ gesundheitliche Versorgung zu garantieren. Vorgeschlagene Reformentwürfe bieten allerdings bislang keine realistischen Lösungen für eine Kompensation der verlorenen Mehrumsätze. Steuerfinanzierung, Beitragserhöhung oder eine Kürzung des Leistungskataloges sind politisch gesehen unpopulär und daher als Lösung eher unwahrscheinlich. Des Weiteren sollte nicht vergessen werden, dass GKV-Patienten in gleichem Maße von potentiellen Investitionen der Mehrumsätze in die Praxisinfrastruktur profitieren wie die PKV-Patienten.
Fazit
Die Einführung einer Bürgerversicherung scheint problematisch aus mehreren Gründen. Daten des Statistischen Bundesamtes zeigen, dass ein Verlust der Mehrumsätze für Ärzte die
medizinische Infrastruktur in der fachärztlichen Versorgung bedrohen. Zusatzhonorare in Höhe von 5,99 Mrd. €, welche potentiell zu Investitionen bereitstehen, würden fehlen und sich negativ auf die im internationalen Vergleich führende medizinische Infrastruktur in Deutschland auswirken. Des Weiteren ist das Zwei-Säulen-Modell der GKV und PKV seit vielen Jahrzehnten implementiert. Auch durch die
Kapitalanlagen der PKV im Kapitaldeckungsverfahren von über 300 Mrd. € ist eine Reformierung unwahrscheinlich.
Autor: Ferdinand Halm
PKV Sachverständiger
Ferdinand Halm ist seit über drei Jahrzehnten in der Privaten Krankenversicherung (PKV) zu Hause. Als Sachverständiger und Berater der hc consulting AG analysiert er PKV‑Strukturen, Tarife und typische Fallstricke – mit der Verlässlichkeit bewährter Vorgehensweisen. Seine Unabhängigkeit von Versicherungsunternehmen und seine praxisnahe Herangehensweise schaffen Transparenz in einem Markt, der für viele nur schwer nachvollziehbar ist.
Auf Grundlage einer Ausbildung zum Versicherungsfachmann und eines Jurastudiums ist Herr Halm seit 1990 als Sachverständiger für die Private Krankenversicherung tätig. Seine Arbeitsweise prägt die Beratungsstandards der hc consulting AG und wurde in der Fachpresse – unter anderem mehrfach in Stiftung Warentest (Finanztest) – aufgegriffen.
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