Der ökonomische Fußabdruck der privaten Krankenversicherung in Deutschland

Originaltext von: WifOR Institue, Autoren: Haaf, Runschke, Hofmann

1 Ausgangslage und Zielsetzung

Die deutsche Gesundheitswirtschaft trug im Jahr 2019 zwölf Prozent zum deutschen Bruttoinlandsprodukt bei. Gleichzeitig arbeitete rund jeder sechste Erwerbstätige in dieser Branche. Die Gesundheitswirtschaft ist damit eine der wichtigsten Branchen der deutschen Volkswirtschaft. Ein maßgeblicher Akteur dieser Branche ist die Private Krankenversicherung (PKV) sowohl als Wirtschaftsakteur als auch als Finanzier von Gesundheitsleistungen.  

Der Marktanteil der PKV in Deutschland beträgt 10,6 Prozent. Durch die rund 8,7 Mio. privat- versicherten Personen entstehen in Deutschland sogenannte Mehrumsätze in Höhe von jährlich 12,7 Mrd. Euro, die es nur deshalb gibt, weil Privatversicherte nicht gesetzlich, sondern privat versichert sind.

Aufbauend auf Vorarbeiten aus dem Jahr 2016 und 2017 ermittelt diese Studie den Beitrag der PKV als Wirtschaftsakteur und Finanzier von Gesundheitsleistungen ihrer Versicherten zum Wachstum und Beschäftigung innerhalb der deutschen Gesundheitswirtschaft und zur gesamtdeutschen Wirtschaftsleistung. Die Studie folgt der Systematik der vom Bundesminis- terium für Wirtschaft und Energie (BMWi) veröffentlichten Gesundheitswirtschaftlichen Gesamtrechnung (GGR) und bezieht deren aktuelle Ergebnisse mit ein. Die Bemessung des ökonomischen Fußabdrucks der PKV wird anhand des Beitrags ermittelt, den die PKV zum Wirtschaftswachstum sowie zum Arbeitsmarkt beisteuert. Hierzu werden die Bruttowertschöpfung und die Erwerbstätigen als Bewertungsmaßstab herangezogen. Die Bruttowertschöpfung ergibt sich aus dem Gesamtwert der im Produktionsprozess erstellten Waren und Dienstleistungen abzüglich der dafür notwendigen Vorleistungen. Anders als der Umsatz entspricht die Summe der Wertschöpfung aller Akteure in Deutschland dem Bruttoinlandsprodukt.

2 PKV als Wirtschaftsakteur

Im ersten Schritt wird der ökonomische Fußabdruck der PKV als Wirtschaftsakteur ermittelt. Folgende Kernergebnisse ergeben sich hieraus für das Jahr 2019:

Die Bruttowertschöpfung setzt sich aus der direkten, indirekten und induzierten Bruttowert- schöpfung zusammen. So spiegelt beispielsweise die Geschäftstätigkeit eines Mitarbeiters in einem PKV-Unternehmen die direkte Bruttowertschöpfung wider. Kauft ein PKV-Unternehmen beispielsweise IT-Dienstleistungen ein, so wird dies der indirekten Bruttowertschöpfung zugerechnet. Die Verausgabung der Gehälter der Mitarbeiter der PKV-Unternehmen und des IT- Dienstleisters, z.B. im Einzelhandel, wird als induzierte Bruttowertschöpfung bezeichnet. Diese drei separaten Effekte durch die PKV als Wirtschaftsakteur summieren sich auf 7,7 Mrd. Euro Bruttowertschöpfung. Dabei hängen 88.700 Erwerbstätige direkt, indirekt und induziert von den Aktivitäten der PKV als Wirtschaftsakteur ab.

Die Arbeitsproduktivität, also das Verhältnis von Bruttowertschöpfung zu Erwerbstätigen, lag 2019 bei 182.290 Euro und damit deutlich über dem der Automobilindustrie mit 148.300 Euro oder Informations- und Kommunikationsbranche mit 111.400 Euro.

Mit jedem Euro Bruttowertschöpfung, der durch die Geschäftstätigkeit der PKV generiert wird, ergeben sich durch die indirekten und induzierten Effekte 1,90 Euro zusätzliche Bruttowertschöpfung in der Gesamtwirtschaft. Damit übertreffen die volkswirtschaftlichen Ausstrahleffekte der PKV – gemessen an der Bruttowertschöpfung – hochinnovative Branchen wie die Automobilindustrie (1,80 Euro), die Informations- und Kommunikationsdienstleister (1,00 Euro) oder die Medizintechnik (1,10 Euro).

Auch die hohen indirekten und induzierten Erwerbstätigeneffekte unterstreichen die gesamt- wirtschaftliche Relevanz der PKV. Mit jedem Arbeitsplatz bei PKV-Unternehmen gehen 5,0 zusätzliche Arbeitsplätze in der Gesamtwirtschaft einher. Auch hier verdeutlicht der Vergleich zur Automobilindustrie (4,8 Arbeitsplätze), der Informations- und Kommunikationsbranche (1,2 Arbeitsplätze) und der Medizintechnik (1,30 Arbeitsplätze) die stabilisierende Wirkung der PKV auf die Beschäftigungssituation in Deutschland.

Der ökonomische Fußabdruck zeigt, dass die Privaten Krankenversicherungen (PKV) durch ihre Geschäftstätigkeit einen vergleichsweisen hohen Beitrag zur Wertschöpfung in Deutsch- land leistet. Dabei ist die Wertschöpfungsstärke und ökonomische Impulswirkung der PKV auf einen starken Dienstleistungs- und Inlandsbezug zurückzuführen. Andere Branchen, die in der Öffentlichkeit typischerweise als stark betrachtet werden, sind häufig industriell geprägt, haben weit verzweigte und international ausdifferenzierte Lieferketten und beziehen somit einen Großteil ihrer Vorleistungen auch aus dem Ausland. Die Wertschöpfungskette der PKV als Wirtschaftsakteur hingegen entfaltet sich insbesondere im Inland und im (personalintensiven) Dienstleistungsbereich.

3 PKV als Finanzier von Gesundheitsleistungen

Neben der Betrachtung der PKV als Wirtschaftsakteur wird in einem zweiten Schritt der ge- samtwirtschaftliche Einfluss der PKV durch die Finanzierung von Gesundheitsleistungen ihrer Versicherten bemessen. In Summe entsteht durch die direkten, indirekten und induzierten Effekte der PKV-finanzierten Gesundheitsleistungen eine Bruttowertschöpfung von 34,2 Mrd. Euro. Hierbei entfallen 25,5 Mrd. Euro auf direkte und indirekte Effekte. Direkte Bruttowertschöpfung entsteht beispielsweise, wenn ein Privatversicherter einen Haus- oder Facharzt besucht. Die indirekte Bruttowertschöpfung spiegelt dann z. B. die vom Arzt beschaffte Praxissoftware wider. Die Verausgabung des Ärztehonorars stellt induzierte Bruttowertschöpfung dar und macht bei der PKV als Finanzier von Gesundheitsleistungen rund 8,6 Mrd. Euro aus.

Der Bruttowertschöpfungsmultiplikator in Höhe von 1,10 Euro gibt an, dass je 1 Euro Gesundheitsausgaben der PKV 1,10 Euro Bruttowertschöpfung in der Gesamtwirtschaft entsteht. Der Vergleich zu anderen Branchen wie etwa der Automobilindustrie (0,67 Euro), der Nahrungsmittelherstellung (0,70 Euro) oder der Datenverarbeitung und Herstellung elektronischer Erzeugnisse (0,73 Euro) verdeutlicht die ökonomische Bedeutung der PKV-Ausgaben für die Gesamtwirtschaft in Deutschland. In den Multiplikatoren spiegelt sich der starke Dienstleistungs- und Inlandsbezug der PKV wider. Denn die Wertschöpfungskette entfaltet sich im Gegensatz zu anderen, industriell geprägten Branchen, insbesondere im Inland und im (personalintensiven) ambulanten und stationären Dienstleistungsbereich.

Im Rahmen der Bruttowertschöpfung finanziert die PKV als Finanzier von Gesundheitsleistungen direkt, indirekt und induziert in Deutschland 653.960 Erwerbstätigenverhältnisse. Diese Erwerbstätigen sind beispielsweise in der ambulanten und stationären medizinischen Versorgung beschäftigt. Die direkten und indirekten Effekte machen 526.700 Erwerbstätige und die induzierten 127.200 Erwerbstätige aus. Je 47.000 Euro PKV finanzierter Gesundheitsausgaben entsteht in der Gesamtwirtschaft ein zusätzlicher Arbeitsplatz.

Ohne Vergleichsgröße stellt sich der ökonomische Fußabdruck der PKV als Finanzier von Gesundheitsleistungen wenig greifbar dar. Weil im deutschen Gesundheitssystem insbesondere auch die GKV als relevanter Finanzier von Gesundheitsleistungen auftritt, macht ein Vergleich mit der GKV Sinn, ist aber – weil es keine Zahlen zum ökonomischen Fußabdruck der GKV gibt – nur auf indirektem Wege zu bewerkstelligen.

Um einen aussagekräftigen Vergleich zur GKV herzustellen, können die ökonomischen Effekte der sogenannten Mehrumsätze quantifiziert werden. Diese Mehrumsätze entstehen unter anderem bei den medizinischen Leistungserbringern nur deshalb, weil Privatpatienten privat und nicht gesetzlich versichert sind.

Die Mehrumsätze der Privatversicherten summierten sich im Jahre 2019 auf eine Höhe von 12,7 Mrd. Euro. In der Gesamtwirtschaft wurde infolgedessen über direkte, indirekte und induzierte Effekte eine Bruttowertschöpfung in Höhe von 14,9 Mrd. Euro ausgelöst. Hierbei entfallen 11,1 Mrd. Euro auf direkte und indirekte und rund 3,7 Mrd. Euro auf induzierte Effekte.

Die Mehrumsätze führen direkt und indirekt zu 270.240 und induziert zu 55.040 Erwerbstätigenverhältnissen. In Summe entstehen damit 325.280 Arbeitsplätze durch die Mehrumsätze der privat Versicherten. Damit stellen Privatversicherte eine wichtige Finanzierungsquelle für die Ausstattung der Praxen und Krankenhäuser und damit für die medizinische Versorgung in Deutschland insgesamt dar.

4 Zusammenfassung

Die Bruttowertschöpfung durch die PKV als Wirtschaftsakteur und Finanzier von Gesundheitsleistungen lassen sich ohne Doppelzählungen und Abgrenzungsschwierigkeiten additiv verknüpfen. Im Ergebnis sind der PKV als Wirtschaftsakteur und Finanzier von Gesundheitsleistungen rund 41,9 Mrd. Euro an direkter, indirekter und induzierter Bruttowertschöpfung in Deutschland zuzurechnen. Das entspricht im Vergleich zu den Ergebnissen aus dem Jahr 2016/2017 einem Anstieg um 12,3 %. Von der Bruttowertschöpfung hängen im Jahr 2019 direkt, indirekt und induziert rund 742.660 Arbeitsplätze in Deutschland ab – ein Anstieg um 5,3 %.

Um einen aussagekräftigen Vergleich zur GKV herzustellen, sind die ökonomischen Effekte der sogenannten Mehrumsätze quantifiziert worden. Diese Mehrumsätze entstehen z. B. bei medizinischen Leistungserbringern nur deshalb, weil Privatpatienten privat und nicht gesetz- lich versichert sind. Am Standort Deutschland werden direkt, indirekt und induziert 14,9 Mrd. Euro Bruttowertschöpfung und 325.280 Arbeitsplätze durch Mehrumsätze der Privatpatienten finanziert.

Die Wertschöpfungsstärke und ökonomische Impulswirkung der Privaten Krankenversicherung (PKV) als Wirtschaftsakteur und Finanzier von Gesundheitsleistungen sind insbesondere auf einen starken Dienstleistungs- und Inlandsbezug zurückzuführen. Während andere von der Öffentlichkeit typischerweise als stark betrachtete Branchen häufig industriell geprägt sind und ihre Vorleistungen auch aus dem Ausland beziehen, entfaltet sich die Wertschöpfungskette der PKV als Wirtschaftsakteur und Finanzier von Gesundheitsleistungen insbesondere im Inland und im (personalintensiven) Dienstleistungsbereich der Finanzdienstleistung und Gesundheitsversorgung.

Kontakt

Andreas Haaf

Benedikt Runschke

Dr. Sandra Hofmann

WifOR Institute Rheinstraße 22 64283 Darmstadt

+49 6151 50155-12

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