Warum gibt es eigentlich das System aus GKV und PKV?

Als Reichskanzler Bismarck 1883 die „Krankenversicherung der Arbeiter“ einführte, ging es vordringlich um den Schutz des Produktionsfaktors Mensch, um die Aussöhnung der Arbeiter mit dem Staat und darum, das Wachstum der Sozialdemokratie zu stoppen. Die Industrie brauchte den Facharbeiter, nur der sollte durch die Sozialversicherung geschützt werden.

Besserverdiener, Selbstständige, Handwerker und Gewerbetreibende sowie die vielen Landarbeiter durften nicht in die gesetzlichen Krankenkassen und blieben so ohne Krankenversicherung. Die Ausdehnung des Versichertenkreises der GKV stellte aus der damaligen Sicht eine „nationale Gefahr für Reich und Staat“ dar.

Damit wurde das Geschäftsfeld der privaten Krankenversicherung (PKV) geschaffen, es entstanden zahlreiche private Krankenunterstützungsvereine. Der Grundstein für das heutige duale System aus GKV und PKV war gelegt. Die Botschaft des Staates war eindeutig: „Ohne die PKV gibt es keine Zukunft der GKV“.

In den 1930er Jahren sollte an Stelle von GKV und PKV ein einheitliches nationalsozialistisches Volksversorgungswerk treten, sozusagen eine Nazi-Bürgerversicherung. Die Sache war schon damals zu kompliziert, das Nebeneinander von GKV und PKV blieb erhalten, nur der Name war jetzt „Reichsversicherung“. Alle nicht versicherungspflichtigen Mitglieder der GKV mussten die Kassen bis 1936 verlassen. Diese eindeutige Abgrenzung zwischen Privat und Kasse führte zu einer Verdreifachung der Zahl der PKV-Versicherten.

Nach dem zweiten Weltkrieg blieb das System aus GKV und PKV im Westen bestehen, in Ostdeutschland wurde eine Einheitsversicherung eingeführt. Im Westen wurde durch die sozialliberale Koalition die Sozialversicherung erst ausgeweitet, die PKV verlor zwischen 1968 und 1972 ein Drittel ihrer Vollversicherten. Unter dem Eindruck der kleinen Weltwirtschaftskrise ruderte Helmut Schmidt ab 1974 wieder zurück und „entrümpelte den Sozialstaat von überflüssigem und teurem Rankenwerk“.

Nach der Wiedervereinigung wurde das westdeutsche System aus GKV und PKV auf die neuen Bundesländer ausgedehnt. Heute gilt die „Bürgerversicherung“ wieder als besonders erstrebenswert. Allerdings ist die „Bürgerversicherung“ mehr ein populistischer Begriff als ein konkreter Vorschlag, stellt sich doch jeder etwas anderes darunter vor.

Fazit: Würde man heute ein Krankenversicherungssystem für ein ganzes Land wie Deutschland planen, so käme sicher nicht unser duales System aus GKV und PKV dabei heraus. Auf der anderen Seite lässt sich ein über hundert Jahre altes System mit zum Beispiel 250 Milliarden Euro an Altersrückstellungen der PKV-Versicherten nicht einfach auflösen. Darüber hinaus ist das deutsche Gesundheitssystem mehr als erfolgreich. Und Einsparungen sind durch einen Systemwechsel unseres Erachtens nicht in Sicht.

 

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